Slow Media – Speed Media

Kulturen digitaler Kommunikation

Christoph Deeg, Zukunftswerkstatt Berlin 
Kathrin Passig, Schriftstellerin, Berlin 
Moderation: Marcus Richter, Fritz (rbb), Berlin

Ausgangslage

Geschwindigkeit ist ein Merkmal der modernen kapitalistischen Welt. Der Slogan »Zeit ist Geld« ist schon lange vor dem Aufkommen der digitalen Medien und des Internets entstanden und prägt die Kultur der damit verbundenen Wirtschaftsweise. Inzwischen gehört die permanente Beschleunigung ebenso zum Alltag wie eine kaum noch überschaubare Informations- und Bilderflut, die uns immer öfter in Echtzeit erreicht. Dabei ist die menschliche Aufnahmefähigkeit beschränkt und das menschliche Gehirn nicht für permanenten Informationsstress ausgelegt, wie inzwischen auch die Hirnforschung belegt. Neben den vielen Vorteilen, die schnelle Kommunikation für das Leben der Menschen hat, werden die gesundheitlichen und sozialen Risiken und Begleiterscheinungen dieser Entwicklung immer stärker ins Feld geführt: die Zunahme des Bourn-out-Syndroms, die Verflachung der Kommunikationsinhalte und die Beschädigung der Sozialbeziehungen, die mehr Ruhe, Muße, Aufmerksamkeit und Zugewandtheit erfordern. Zu fragen ist auch, was die Kultur der Geschwindigkeit in einer Gesellschaft bewirkt, die zunehmend altert und deshalb schon biografisch eher auf Langsamkeit ausgerichtet ist. Was bewirkt die digitale Spaltung im Verhältnis der Generationen? Wie können Exklusionsprozesse begrenzt und Teilhabechancen erhöht werden? 

Bezug zur Kulturpolitik

Kunst und Kreativität werden im gegenwärtigen kulturpolitischen Diskurs als Ressourcen gesehen, welche die wissensbasierte Gesellschaft bereichern und für jene Flexibilität und Auffassungsgeschwindigkeit sorgen, die im interkommunalen und globalen Wettbewerb notwenig sein sollen. Öffentliche Förderungen, die dieses Potenzial schützen und entwickeln, gelten als »Investitionen in die Zukunft«. Kulturpolitik ist deshalb mittendrinn in der Geschwindigkeitsgesellschaft. Kreativität und künstlerische Produktion folgen jedoch ihren eigenen Gesetzen und lassen sich nur bedingt auf Schnelligkeit und Effizienz trimmen. Sie setzen vielmehr ›gegenstrukturell‹ Orte der Ruhe und »Inseln der bewussten Langsamkeit« voraus, wie es im »Slow-Media-Manifest« heißt. Wie lassen sich diese unterschiedlichen Anforderungen an eine gelingende Kommunikationskultur, die Teilhabe, Konzentration und Kontemplation ermöglicht, vermitteln?

In diesem Forum geht es darum, die »Philosophie des Internets« jenseits gängiger kulturkritischer Ressentiments zu erklären und zu hinterfragen. Welche neuen Optionen hält das Internet als Infrastruktur bereit, um Kommunikation als Sinn stiftende und Verständigung ermöglichende Ressource zu bereichern? Welche Anforderungen an das »Management der Interaktion« begründen sie? Welche Risiken sind damit verbunden? Wie kann gewährleistet werden, dass Echtzeitinformation und -kommunikation nicht die Bereitschaft zum Vor- und Nach-Denken untergräbt? Brauchen wir andere Regeln oder gar eine neue Ethik der Kommunikation? Wer könnte sie vermitteln? Was kann die Kulturpolitik, was können die Kulturinstitutionen in diesem Zusammenhang tun?

 

 
 

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