02.12.2011

Arbeit – Muße - Langeweile

„Langeweile ist an sich keineswegs eine negative Qualität“, notierte der Videokünstler Nam June Paik in den 1980er Jahren. Die Verwirrung entsteht nur, weil man nicht zwischen „guter und langweiliger Kunst und schlechter und langweiliger Kunst“ unterscheide. Thomas Mann sah Langeweile als „stehendes Jetzt“, Kierkegaard feierte sie als „genusslose Seligkeit, oberflächliche Tiefe, hungrige Übersättigung“. Dabei markiert sie eine Facette der kapitalistischen Entwicklung, die mit der Erfindung der Uhr begann. „Nicht die Erfindung der Dampfmaschine, die als „Prothese“ die menschliche Muskelkraft potenziert, hat die Menschen verändert. Die Uhr hat die Köpfe mit immateriellem Druck gerichtet, diszipliniert, verdreht. Mit der Uhr beginnt die Moderne“, heißt es im Essay von Wolfgang Hippe, der 1988 erstmals veröffentlicht wurde. Ein Blick zurück in jeder Beziehung.

Arbeit, Muße, Langeweile

„Die Pünktlichkeit stiehlt uns die beste Zeit.“ (Oscar Wilde)

Heutzutage hat jeder zuverlässige Mensch eine Uhr. Sie ist des Menschen beste Freundin und Begleiterin, hilft ihm bei Verabredungen und Absprachen, ins Kino oder durch Fahrpläne, ermöglicht Pausen, Freizeit oder den Bau von Bomben, unterstützt Kontrollen aller Art, kurz sie bringt Ordnung in den unüberschaubaren Fluss der Zeit. Nie lässt sie etwas im Ungewissen. Ein Blick verrät, was die Stunde geschlagen hat. Der altertümliche Ausdruck erinnert noch an die Zeit, da Uhren ohne Ziffernblatt funktionierten. Erst später begannen sich die Uhrzeiger zu bewegen. Mochte die Strecke, die sie kreisend zurücklegten, auch noch so klein sein, es war eine sichtbare Bewegung im Raum für die Zeit. Das Drehen der Stundenmesser ließ ahnen, dass „Zeit“ einmal nicht die Summe abstrakter Bruchteile von der Stunde bis zur tausendstel Sekunde gewesen ist, sondern die Wiederkehr vertrauter Ereignisse. Die Wiederholung als Maßstab, kein Anfang und kein Ende.

Mit der Zunahme der digitalen Anzeiger vollzieht sich der Zerfall in isolierte Augenblicke. Auf Knopfdruck blinkt eine zerstückelte Message von Zeitpunkten. Die Uhr wird endgültig autonome Maschine, Ausdruck eines Modells der Welt, das sich längst die Welt zu eigen gemacht hat. Auch wenn die Uhr anhält, verliert Zeit längst nicht mehr an Geschwindigkeit. Hinter den Fassaden eilt sie unaufhörlich weiter.

Nicht die Erfindung der Dampfmaschine, die als „Prothese“ die menschliche Muskelkraft potenziert, hat die Menschen verändert. Die Uhr hat die Köpfe mit immateriellem Druck gerichtet, diszipliniert, verdreht. Mit der Uhr beginnt die Moderne.

Zeitreform

Die Bastille war gestürmt, der bedrängte König hatte noch kaum Gelegenheit gehabt, sich mit den Forderungen der Revolution einig zu erklären, da suchten die Volksmassen schon ein nächstes Ziel. Am Abend des ersten Kampftages begannen sie, alle erreichbaren Turmuhren von Paris zu zerschlagen und zu zerschießen, um deren verhasstes Diktat über Leben und Arbeit zu beenden.

Die Täter müssen in den Augen der wahrhaft revolutionären Bürger revoltierende Reaktionäre gewesen sein, denn kurze Zeit später bemächtigte sich der Konvent radikal der Zeitmessung. Am 5. Oktober 1793 – der König war hingerichtet, der Wohlfahrtsausschuss installiert – wurde per Gesetz die Errichtung einer vernünftigen Chronokratie verfügt. Die Zeitreform – Ergebnis der Arbeit einer wissenschaftlichen Kommission mit dem Astronomen Pierre Simon LaPlace und dem Mathematiker Joseph Louis LaGrange – brach auf andere Weise mit den Kirchturmuhren. Die Jahreschronologie sollte nunmehr mit der Revolution als dem Jahr 1 beginnen. Ansonsten regierte die „Heilige Zehn“. Jeder Monat wurde in drei Dekaden geteilt, jeder Tag in zehn Stunden, wobei eine Stunde 144 alten Minuten entsprach. Die Stunde hat nun 100 und jede Minuten jeweils 100 (neue) Sekunden. Die Tage der Dekaden wurden einfach prosaisch gezählt. Dem Ersten (Primidi) folgte der zweite (Duodi). Jeder fünfte allerdings trug den Namen eines Haustiers, jeder zehnte den eines bäuerlichen Geräts. Die Monatsnamen brachen mit der alten, auch christlichen Tradition und orientierten sich an der Natur. Es gab nun den Monat der Weinlese, den des Schnees oder den der Blüten.

Doch die erhoffte Identifikation mit den neuen Regeln blieb aus. Vor allem die Bauern reagierten ungehalten, bedeutete der neue Kalender doch, dass sie nun neun statt sechs Tage die „Woche“ arbeiten sollten. Auch in der Stadt mochte sich niemand so Recht an die neue Ordnung halten. Die per Dekret abgeschafften kirchlichen Feste wurden schon aus Gewohnheit auch zu Zeiten des höchsten revolutionären Terrors ganz unverblümt begannen, die Zeitungen setzten die gregorianischen Daten hinter die neuen Zeiten. Schließlich hatte Napoleon ein Einsehen und schaffte zugunsten des Alten den neuen Kalender zum 1.1.1806 wieder ab. Damit vollzog er wohl nur einen realen Zustand nach. Trotzdem liegt in diesem Staatsakt einige Symbolik. Die „Wiedereinführung“ der gregorianischen Zeitrechnung war Bestandteil eines Konkordats mit dem Papst. Und bei der Bestimmung der richtigen Zeit hat die Kirche traditionell Mitspracherecht.

Die Mönche des frühen Mittelalters waren die ersten „Berufsmenschen“, die sich einer methodischen Lebensführung mit starrer Zeiteinteilung unterwarfen. In den Klöstern wurden „Zurückhaltung, Ordnung, Regelmäßigkeit, Ehrlichkeit und innere Zucht zu praktischen Werten erhoben“, schreibt Lewis Mumford in seiner Untersuchung über die Stadt, „ehe man diese Eigenschaften der mittelalterlichen Stadt und noch später dem Kapitalismus in Gestalt von Erfindungen und Geschäftsbräuchen übermittelte: die Uhr, das Hauptbuch und der geordnete Tagesablauf.“

Am Beispiel der Klöster ist zu studieren, wie „Brückenköpfe“ zeitlicher Regelmäßigkeit geschaffen wurden, wie Disziplinierung und Selbstdisziplin ineinander greifen, wie Askese, Arbeit und Macht verinnerlicht werden......

Den ganzen Text können Sie hier als pdf herunterladen

 


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