29.09.2011

Von der Verstörung zur Normalität

Prof. Dr. Heiner Keupp referierte im Forum 5 des 6. Kulturpolitischen Bundeskongresses zum Thema „Verloren oder zuhause im Netz. Kulturarbeit und Lebenswelt“. Im Folgenden Auszüge aus seinem Vortrag. Den gesamten Text als pdf-Dokument hier

Eine förderliche „Kultur des Aufwachsens“ braucht ein normatives Selbstverständnis für das, was eine lebenswerte Biographie ausmacht und wie sie erreicht und gefördert werden könnte. Ein solches normatives Selbstverständnis fehlt. Die bislang unterstellten Konstrukte sind in der Krise. Krisen können durch akute lebensverändernde Ereignisse ausgelöst werden, die für einzelne Personen oder Mikrosysteme die bislang tragfähige Alltagsnormalität gefährden. Es gibt aber auch Krisen der Normalität selber, wenn sich die Grundlagen eines soziokulturellen Systems so verändern, dass bislang tragfähige Schnittmuster der Lebensgestaltung ihre Tauglichkeit verlieren.

In einer solchen „Normalitätskrise“ befinden wir uns gegenwärtig, und mit dem Blick auf Heranwachsende bedeutet diese Aussage, dass die Normalitätsannahmen, die in die Identitätsprojekte der Erwachsenengeneration eingegangen sind, von Kindern und Jugendlichen nicht selbstverständlich als Grundlage für ihre eigenen Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung übernommen werden können.

Die großen Gesellschaftsdiagnostiker der Gegenwart sind sich in ihrem Urteil relativ einig: Die aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche gehen ans „Eingemachte“ in der Ökonomie, in der Gesellschaft, in der Kultur, in den privaten Welten und auch an die Identität der Subjekte. In Frage stehen zentrale Grundprämissen der hinter uns liegenden gesellschaftlichen Epoche, die Burkart Lutz schon 1984 als den „kurzen Traum immerwährender Prosperität“ bezeichnet hatte. Ihr zunehmender Verlust an gesellschaftlicher Tragfähigkeit hat auch erhebliche Konsequenzen für das, was eine Gesellschaft als ihr „soziales Erbe“ begreift und das an eine heranwachsende Generation weitergegeben werden soll.

Wenn die Gesellschaft sicher wüsste, was die künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen sein werden, dann könnte man entsprechende Lernprozesse im klassischen curricularen Sinne organisieren. Dies ist jedoch nicht möglich, sodass nur Annäherungen bleiben. In diesem Sinne hat z.B. das Bundesjugendkuratorium in einer Streitschrift aus dem Jahr 2001 versucht, absehbare Szenarien zu beschreiben. Es geht davon aus, „dass die Gesellschaft der Zukunft

– eine Wissensgesellschaft sein wird, in der Intelligenz, Neugier, lernen wollen und können, Problemlösen und Kreativität eine wichtige Rolle spielen;

– eine Risikogesellschaft sein wird, in der die Biographie flexibel gehalten und Identität trotzdem gewahrt werden muss, in der der Umgang mit Ungewissheit ertragen werden muss und in der Menschen ohne kollektive Selbstorganisation und individuelle Verantwortlichkeit scheitern können;

– eine Arbeitsgesellschaft bleiben wird, der die Arbeit nicht ausgegangen ist, in der aber immer höhere Anforderungen an den Menschen gestellt werden, dabei zu sein;

– eine demokratische Gesellschaft bleiben muss, in der die Menschen an politischen Diskursen teilnehmen und frei ihre Meinung vertreten können, öffentliche Belange zu ihren Angelegenheiten machen, der Versuchung von Fundamentalismen und Extremen widerstehen und bei allen Meinungsverschiedenheiten Mehrheitsentscheidungen respektieren;

– als Zivilgesellschaft gestärkt werden soll, mit vielfältigen Formen der Partizipation, Solidarität, sozialen Netzen und Kooperation der Bürger, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft, welchen Berufs und welchen Alters;

– eine Einwanderungsgesellschaft bleiben wird, in der Menschen verschiedener Herkunft, Religion, Kultur und Tradition integriert werden müssen, vorhandene Konflikte und Vorurteile überwunden und Formen des Miteinander-Lebens und -Arbeitens entwickelt werden müssen, die es allen erlauben, ihre jeweilige Kultur zu pflegen, aber auch sich wechselseitig zu bereichern“ (Bundesjugendkuratorium 2001, S. 2 f.).

Diese Liste lässt sich noch durch sieben weitere zentrale Bezugspunkte für eine Gegenwartsanalyse vervollständigen:

– Was im letzten Vierteljahrhundert begonnen wurde, steht auch weiterhin auf der Tagesordnung: Die Herstellung einer nachhaltig gesicherten Chancengleichheit der Geschlechter, die gegen eine unverändert fortwirkende patriarchal geprägte Dominanzkultur durchzusetzen ist.

– Wir leben in einer Ungleichheitsgesellschaft, in der sich die Verteilung des ökonomischen, sozialen und symbolischen Kapitals immer mehr von dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit wegbewegt und damit auch die Verteilung von Lebenschancen.

– Die Gesellschaft, in der wir leben ist auch eine Erlebnisgesellschaft, in der immer mehr Menschen ihre Selbstentfaltungswünsche im Hier und Heute verwirklichen wollen und auf der Suche nach Lebensfreude und Authentizität sind.

– Wir leben in einer Mediengesellschaft, in der die Medien immer mehr die Funktionen der Erziehung, der Normvermittlung, der Vorbilder, aber auch der Gewöhnungvan Gewalt übernommen haben.

– Die Gesellschaft, die sich immer mehr abzeichnet, wird auch eine globalisierte, kapitalistische Netzwerkgesellschaft sein, die durch die Verknüpfung von informationstechnologischen und ökonomischen Prozessen eine Beschleunigungsdynamik entfaltet, die sich zunehmend einer politischen Steuerung entzieht. Für Castells bedeutet „die Netzwerkgesellschaft einen qualitativen Wandel in der menschlichen Erfahrung“ (1996, S. 477). Ihre Konsequenzen „breiten sich über den gesamten Bereich der menschlichen Aktivität aus und transformieren die Art, wie wir produzieren, konsumieren, managen, organisieren, leben und sterben“ (Castells 1991, S. 138). Und diese Konsequenzen tragen erheblich zu veränderten Bedingungen des Aufwachsens bei.

– Wir leben in einer Welt hegemonialer Ansprüche, in der immer häufiger Mittel des Terrors, des Krieges und demokratisch nicht legitimierter Herrschaft zum Einsatz kommen.

– Wir leben in einer Sicherheitsgesellschaft, die angesichts der unterschiedlichen Modernisierungsrisiken und der mit ihnen verbundenen Verunsicherungen einerseits und der Bedrohung durch Terrorismus und organisierter Kriminalität andererseits verstärkt Kontrollen aufbaut, die zu mehr Sicherheit führen sollen.

Die sich in diesen Bezugspunkten der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen andeutenden widersprüchlichen Tendenzen lassen das „Aufwachsen heute“ (Göppel 2007) zu einer Konstellation „riskanter Chancen“ (Keupp 1988) werden. Es eröffnen sich in diesen Wandlungsprozessen durchaus neue Gestaltungsmöglichkeiten im eigenen Lebensentwurf und in der alltäglichen Lebensführung. Gleichzeitig wachsenaber auch die Risiken des Scheiterns, denn die Bedingung für eine selbstbestimmte Nutzung dieser Chancen, für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Handlungsmächtigkeit, ist die Verfügung über Kompetenzen und Ressourcen, die für viele Heranwachsenden nicht erreichbar sind. Die institutionellen Ressourcen aus den Bildungs-, Jugendhilfe- und Gesundheitssystemen sind in ihrer gegenwärtigen Gestalt nur unzureichend in der Lage, die person- und milieugebundenen Ressourcen so zu fördern und zu kompensieren, dass von einer Ressourcengerechtigkeit gesprochen werden könnte. Insofern tragen sie ihrerseits zur Risikoerhöhung bei.

Eng mit den zuvor genannten Entwicklungsthemen ist schließlich die zentrale Herausforderung der Jugendphase zu sehen, die Entwicklung einer eigenen Identität, die mit der Beantwortung der Frage „Wer bin ich?“ verknüpft ist. Damit sind für die Jugendlichen existenzielle Grund- und Sinnfragen angesprochen, die besonders in dieser Lebensphase eine zentrale Rolle spielen.

Heiner Keupp  ist Sozialpsychologe und Prof. em. Der Ludwig-Maximilians-Universität München


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