28.02.2011

Kulturfinanzierung online?

Die Ansicht, dass künstlerisches Schaffen und ökonomisches Handeln aufgrund der jeweils dahinterstehenden Motivationen und Rationalitäten kaum miteinander vereinbar sind, ist weit verbreitet. Eine mehr oder minder diffuse Vorstellung, dass »… das Einnehmen der ökonomischen Perspektive die Kunst auf eine ihr unangemessene, niedrigere Ebene herabziehen könnte ...« (1), existiert. Die Vorbehalte gegenüber einer Finanzierung des kulturellen Angebotes über Märkte finden ihren Ursprung in der These, Konsumentensouveränität als Leitbild ginge im Bereich von Kunst und Kultur mit einer ausschließlichen Ausrichtung am sogenannten Mainstream einher. Gelegentlich werden künstlerische Arbeiten, die unter Marktbedingungen zustande kommen, als »kommerziell« abqualifiziert. (2)  Hierin begründet sich der Ruf nach staatlichem Handeln, um der Kunst eine gewisse Qualität und das nötige Ansehen zu sichern. (3)  Zudem bietet die wirtschaftstheoretische Literatur mit Ansätzen wie der Baumol’schen Kostenkrankheit oder der Theorie öffentlicher Güter in weiten Teilen nachvollziehbare Begründungen und Legitimationen für staatliche Eingriffe. Insbesondere die Theorie öffentlicher Güter unterstellt bei Kunst und Kultur externe, gesellschaftlich relevante Effekte, die unter dem Postulat der Konsumentensouveränität nicht abgebildet werden. In diesem Fall soll und muss eine demokratisch legitimierte, kulturpolitische Elite über die Bereitstellung von Gütern entscheiden. Im Rahmen der kulturpolitischen Diskussion gibt es wenig Widerspruch gegen eine öffentliche Finanzierung von Kulturinstitutionen, deren Angebot angesichts mangelnder privater Zahlungsbereitschaft ohne staatliche Unterstützung nicht zustande kommen würde.

Selbst entscheiden

Nun zeigt sich aber in der gegenwärtigen Entwicklung, dass kulturinteressierte Bürger vielfach ihre Konsumentenentscheidung nicht an staatliche Instanzen delegieren möchten, sondern in Teilen selbst über die Inhalte des kulturellen Angebotes entscheiden wollen. Möglichkeiten, diese Ansprüche auch umzusetzen, ergeben sich vor allem durch die Entwicklung neuer Medien, speziell durch die Zunahme interaktiver Anwendungen im Web 2.0. Das Internet eröffnet hierbei nicht nur völlig neue Wege der Kommunikation und Interaktion, sondern erschließt auch neue Einnahmequellen. Dass in Zukunft immer mehr Markt in der Kulturfinanzierung möglich sein kann, zeigt sich in der Entwicklung neuer Finanzierungsinstrumente wie dem sogenannten Crowdfunding. Haben Kulturschaffende bisher das Internet überwiegend zu Marketingzwecken genutzt, bieten sich nun Chancen, auch neue Finanzierungsquellen für ihre Zwecke im World Wide Web zu erschließen.

Unter Crowdfunding, ähnlich dem Socialfunding oder dem Micropayment, versteht man eine Art der Finanzierung bzw. Mittelbeschaffung für bestimmte Vorhaben, Projekte oder Ideen, bei der das Kapital von den Bürgern, somit der anonymen Masse (Crowd) zur Verfügung gestellt wird. Dabei trägt der Einzelne (Crowdfunder) nur einen geringen finanziellen Anteil. Getragen von der technischen Entwicklung im Internet wird es gegenwärtig ermöglicht, diese anonyme Masse nicht nur schnell, sondern auch kostengünstig zu erreichen. Beim Crowdfunding werden auf einer speziellen Internet-Plattform Projekte einer breiten Masse vorgestellt, finanzielle Unterstützung eingeworben und den einzelnen Crowdfundern projektbezogen Gegenleistungen zugesichert, meist in Form von Sachleistungen oder Rechten. Die Gegenleistung kann allerdings auch einen rein ideellen Wert besitzen. Gezahlt wird gewöhnlich über im Internet inzwischen etablierte Systeme, zum Beispiel Paypal. Über die Vernetzung mit anderen Plattformen wie Facebook und Twitter können die Projektideen ein relativ großes Publikum in kürzester Zeit erreichen.

Plattformen

Den Grundstein für derartige Finanzierungsmodelle legten Plattformen wie flattr  oder kachingle. Gerade ist in Deutschland mit startnext die erste Plattform dieser Art an den Start gegangen, die explizit die Förderung kultureller Projekte in den Mittelpunkt stellt. Diese Plattform ermöglicht Künstlern, Kreativen und Kulturschaffenden geplante Projekte und Ideen (z.B. Filme, Ausstellungen, Theaterinszenierungen) vorzustellen und das Publikum von einer Mitfinanzierung zu überzeugen. Als Gegenleistung werden sogenannte »Dankeschöns« wie CDs, Arbeitsproben oder Konzertkarten angeboten.

Ein wesentlicher Vorteil des Crowdfunding liegt unverkennbar in den überaus geringen Transaktionskosten. Der administrative Aufwand bei herkömmlicher Projektförderung, verursacht durch aufwendige Förder- und Finanzierungsverfahren, entfällt. In der Folge ergeben sich Ersparnisse bei Zeit und Kosten. Darüber hinaus werden, wie im Kulturbereich nur selten möglich, Märkte, und damit Nachfragestrukturen und Zahlungsbereitschaften abgebildet. Aus wirtschaftstheoretischer Sicht ist damit die Grundlage für eine bessere Allokation der Ressourcen und die optimale Ausschöpfung des Koordinationspotenzials von Märkten gewährleistet. Ein entscheidender Nachteil des Crowdfunding beruht auf einer wohl undurchführbaren Übertragbarkeit etablierter Kontrollmechanismen. Ob die Projektträger, die von der Masse gewährten Mittel letztlich so eingesetzt haben, wie in der Projektdarstellung zugesichert wurde, ist praktisch nicht überprüfbar. Bewährte Instrumente, wie beispielsweise der im Projektgeschäft übliche Verwendungsnachweis mit konsequenter Prüfung von Einzel- und Gesamtkosten, kommen nicht zum Einsatz. Insofern bleibt als Sanktion einzig und allein die Reputation des Künstlers, die er bei unsachgemäßem Einsatz der Mittel dauerhaft aufs Spiel setzt.

Zielgruppen

Einschränkungen hinsichtlich der Massenkompatibilität des Crowdfunding sind insofern festzustellen, als dass ausschließlich ein internetaffines Publikum angesprochen wird. Die Nutzung dieses Instrumentes und damit die Mitbestimmung über das kulturelle Angebot setzen eine gewisse Medienkompetenz voraus. Auf den zweiten Blick wird aber gerade auf diesem Wege ein Publikum angesprochen, dem gegenwärtig geringe kulturpolitische Teilhabe attestiert wird. Möglicherweise werden durch die Optionen, die das Crowdfunding bietet, gerade die Zielgruppen einbezogen, die Kunst- und Kulturschaffende bisher kaum erreicht haben.

Im Wesentlichen unterscheidet sich Crowdfunding von der herkömmlichen Kulturfinanzierung durch einen dezentralen Ansatz. Nicht Dritte (Stiftungen, Kulturfonds), also eine kulturpolitische Elite entscheidet über die Förderwürdigkeit einzelner Vorhaben. Der Kulturkonsument selbst kann nach eigenen Bewertungsmustern Projekte unterstützen oder ablehnen. Außerdem findet gegenüber dem kulturinteressierten Publikum eine ungefilterte Kommunikation statt, d.h. selbst Projekte, die zuvor in ihrem Ideenstadium nicht bekannt waren, können jetzt ein breites Publikum erreichen. Überbewertet wird das Crowdfunding im Rahmen der aktuellen Debatte insofern, als dass von »dezentraler Macht der Crowd« oder gar »Demokratisierung der Kulturlandschaft« gesprochen wird. (4) Crowdfunding ist marktbasiert und insofern absolut undemokratisch. Grundlegende demokratische Prinzipien sind nicht erfüllt, weil Crowdfunding im Gegensatz zum politischen Stimmrecht nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit abstrahieren kann. Auf Märkten entscheidet allein die Kaufkraft.

Es wird wohl noch etwas Zeit vergehen, bis sich das Kultur-Crowdfunding in Deutschland seinen Platz erobert hat. Momentan beschränkt sich der Einsatz des Instrumentes auf die Finanzierung von Einzelprojekten mit vergleichsweise geringen Finanzvolumina. Kulturprojekte auf diese Art und Weise zu finanzieren, scheint angesichts knapper, öffentlicher Kassen eine attraktive Perspektive zu sein. Mehr Markt in diesem Bereich zuzulassen, kann durchaus dazu beitragen, die Freiheit der Kunst als wichtige Voraussetzung künstlerischen Schaffens zu gewährleisten. Die Gefahr, mit dieser Form der Finanzierung ausschließlich massenkompatible Kultur zu fördern, erscheint wenig realistisch. Durch das Crowdfunding können gerade Nischenangebote und außergewöhnliche Projekte ihre Finanzierer und Förderer finden und damit das kulturelle Angebot vielfältiger und die Kulturlandschaft reicher gestalten.

(1) Ingrid Gottschalk: Kulturökonomik. Probleme, Fragestellungen und Antworten, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, S. 13.

(2) Werner W. Pommerehne, W.W./Bruno S. Frey: Musen und Märkte. Ansätze einer Ökonomie der Kunst, München: Vahlen 1993, S. 17.

(3) Ebenda.

(4 ) Z.B. in einem Interview mit Leander Wattig im dradio kultur

 Prof. Dr. Grit Leßmann lehrt Stadt- und Regionalmanagement an der Ostfalia – Hochschule für angewandte Wissenschaften, Braunschweig/Wolfenbüttel.

Weitere Beispiele von Crowdfunding-Plattformen in Deutschland finden Sie hier 


Ein Thema für Forum 5
Im Rahmen des sechsten Kulturpolitischen Bundeskongresses soll das Thema von Forum 5 von Interessierten und Kongressteilnehmern festgelegt werden. Bis zum 15. April stehen drei Themen zur Wahl:
A.    Kollektive Intelligenz: Amateurkult oder Schwarmintelligenz. Mehr
B.    Crowdfundung. Finanzierungsangebote aus dem Netz
C.    Die Digitalisierung des Kulturellen Erbes

Mailen Sie uns hier das Thema Ihrer Wahl bis spätestens zum 15.April. Und wenn Sie kompetente Referenten kennen, schreiben Sie die Namen gleich dazu. Wir teilen Ihnen das Ergebnis des Votings mit und werden uns dann um Referenten und Diskutanten für das Forum Ihrer Wahl bemühen.

Das gesamte Kongressprogramm finden Sie hier hier 


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Anmerkungen und Fragen aus der analogen Welt zum 6. Kulturpoli- tischen Bundeskongress 2011 »netz.macht.kultur« von Norbert Sievers weiterlesen[Internal]


 

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