Netz macht Kultur- 6. Kulturpolitischer Bundeskongress
11.11.2011

Digitale Zugänge zum Wissen der Welt

Lisbet Rausing

Digitale Zugänge zum Wissen der Welt. Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus? (Auszug)

Ich plädiere dafür, akademische Forschung frei zugänglich zu machen. Ich gehöre keiner “schlagenden Verbindung” an, keiner der radikalisierten Randgruppen der digitalen Bewegung. Ich will nicht Micky Maus von Walt Disney befreien. Meine These ist besser so beschrieben: steuerfinanzierte und universitäre Forschung sollte allen zur Verfügung stehen, überall auf der Welt, im Internet, ohne Kosten.

Dies betrifft die Steuerzahler. Es ist ein Skandal, dass die Allgemeinheit keinen Zugang zu den akademischen Forschungsergebnissen hat, für die sie bezahlt hat, entweder direkt durch das Zahlen von Steuern oder indirekt durch die gewährten Steuerbefreiungen. In ganz Europa und in den USA wird dadurch öffentliches Gut tagtäglich in Privatbesitz überführt.

Wie Sie wissen, unterliegen die meisten Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit – Zeitschriftenbeiträge, Dissertationen, Magisterarbeiten, wissenschaftliche Monographien und Ähnliches – dem Urheberrecht, üblicherweise so lange, wie der Autor lebt, plus weitere 70 Jahre. Das ist kein Urheberrecht, an dem die Autoren viel oder überhaupt etwas verdienen. Wissenschaftler veröffentlichen aus berufsbedingter Notwendigkeit und um der Menschheit zu dienen; normalerweise arbeiten sie als Angestellte im öffentlichen Dienst; sie werden selten direkt für ihr Schreiben bezahlt; ihre Einkünfte durch das Urheberrecht sind marginal. Dazu sind die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen schnell vergriffen. Aber selbst dann, oder wenn der Eigentümer der Urheberrechte unbekannt ist, dürfen diese Texte nicht kopiert oder in eine digitale Bibliothek eingestellt werden.

Es geht um Forschungsergebnisse, für die Sie als Steuerzahler bereits bezahlt haben. Und das eigentlich sogar schon zweimal, einmal für ihre Ermöglichung in den Universitäten und einmal dafür, dass die Universitätsbibliotheken sie von privaten Verlegern zurückkaufen konnten.

Die universitär arbeitenden Autoren geben ihre Arbeiten kostenlos an die Verleger. Andere Wissenschaftlerkollegen rezensieren diese gratis. Dann verschließen die Verleger diese öffentlich finanzierten wissenschaftlichen Ergebnisse in einem etwa 150 Jahre alten Urheberrecht und verkaufen sie zu stark überhöhten Preisen zurück an die Universitäten. Hier gesellt sich zur Ungerechtigkeit die Beleidigung: Steuerzahler und die Öffentlichkeit haben nicht einmal Zugang zu “verwaisten” Texten, bei denen die Urheberschaft unbekannt oder unklar ist. Mindestens ein Drittel aller Veröffentlichungen sind solcherart “verwaist”, nach rechtlich allerdings der Öffentlichkeit vorenthalten. Es ist illegal, sie ins Internet zu stellen, zu kopieren oder zu drucken.

Wissenschaftler und Bibliothekare überall in der westlichen Welt stimmen darin überein, dass das Urheberrecht reformiert werden muss. Zunächst sollte es sehr viel knapper gefasst werden. Und warum wird es nicht als während der Lebenszeit des Verfassers erneuerbar gestaltet, um die Autoren von Groschenheften und populärwissenschaftlichen Texten zu schützen, und dies nur, wenn der Autor nachweisen kann, dass er durch die Veröffentlichung ein jährliches Einkommen von sagen wir 1.000 Euro erwirtschaftet?

Einwilligung statt Ablehnung

Außerdem sollte das Urheberrecht auf  Einwilligung beruhen, nicht auf dem Ablehnungsprinzip. Der Urheber sollte sein Recht geltend machen müssen. Gegenwärtig muss er ausdrücklich darauf verzichten. Zudem sollte das Urheberrecht nicht bei öffentlich finanzierter Wissenschaft greifen, mit Ausnahme von industrieller und technischer Forschung, die von Industriebetrieben und staatlichen oder militärischen Einrichtungen in Auftrag gegeben und finanziert wurde. Und schließlich sollten die europäischen Regeln zum fairen Gebrauch von urheberrechtlich geschütztem Material geändert werden. Der britische Premierminister David Cameron hat zurecht darauf hingewiesen, dass Google in Großbritannien nicht hätte gegründet werden können.

Anders gesagt: Wir sind wieder einmal im Jahr 1848 angekommen. Wir müssen die Handwerkergilden und Getreidezollgesetze des Urheberrechts abschaffen – die restriktiven juristischen Praktiken, die das Interesse des Urhebers über das der Öffentlichkeit stellen, Wissen verschließen, soziale Ungerechtigkeit fortschreiben und Nicht-Transparenz und Unberechenbarkeit im öffentlichen Bereich unterstützen. Wir brauchen ein liberales, rationales Urheberrecht. Wir brauchen, wie 1848, einen “Frühling der Völker”.

Wir könnten, wären die rechtlichen Probleme des Urheberrechts endlich überwunden, ein neues Alexandria gründen, eine universale und frei zugängliche digitale Bibliothek. Praktische Probleme gibt es nicht, eine solche Bibliothek zu errichten, weder technischer noch finanzieller Art. Es ist, unter den gegenwärtigen Gesetzen, nur einfach illegal.

Würden Europas Beamte und Politiker das Urheberrecht reformieren, könnte die EU eine globale, frei zugängliche Bibliothek im Internet schaffen. Das ist technisch machbar, und die Kosten wären unbedeutend im Vergleich zur sonstigen öffentlichen Grundversorgung. Im Gegenteil: Im Vergleich mit den existierenden Modellen könnten erheblich Kosten für den öffentlichen Sektor eingespart werden.

Was sollte sich in dieser neuen Bibliothek von Alexandria befinden? Vergessen Sie den kurzlebigen Schund. Diese Bibliothek sollte sich auf Qualität konzentrieren, auf Grundlagenliteratur und auf wissenschaftliche Forschung. Das ist ein Kompliment an das Internet, nicht seine Kopie.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Westens dürfen nicht (ver-)käuflich sein. Sie sind Teil unseres offenen, demokratischen und gleichberechtigten Dialogs mit der Welt und ihren Menschen. Dies ist allerdings keine Frage von Großzügigkeit oder Wohltätigkeit. Für Europa ist das eine Win-win-Situation. Wenn Qualitätsstandards gesichert sind, erreichen frei zugängliche Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften eine vergleichsweise weit höhere Menge an Zitierungen. Die Universitäten, die frei zugängliche Archive bieten, erzielen hervorragende Ergebnisse in Universitäts-Rankings. Die Southampton University in England ist hierfür ein Beispiel. Ein freier Zugang würde Europas Ansehen weltweit stärken und unsere eigenen Forschungsmöglichkeiten verbessern.

Weggesperrtes Wissen

Nach Stand der Dinge haben wir uns gegenwärtig kollektiv damit abgefunden, wissenschaftliche Forschungsergebnisse wegzusperren, mit der Folge, dass die Bürger diese weder in privatem Rahmen noch als Mitglieder von NGOs, als Geschäftsleute oder als Mitarbeiter staatlicher Stellen nutzen können. Nur ein kleiner Teil der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse liegt gedruckt vor und kann erworben werden. In Großbritannien beinhalten die rigiden Lizenzbestimmungen der Verlage, dass kleine und mittlere Unternehmen die Bibliotheken ihrer örtlichen Universitäten nicht nutzen dürfen; diese Unternehmen können sich wiederum die Abonnement-Kosten der entsprechenden Zeitschriften nicht leisten, die auf „feste“ Kunden, die keine Alternative haben, nämlich die Universitätsbibliotheken, ausgerichtet sind. Untersuchungen der Europäischen Kommission haben ergeben, dass Universitäten und Forschungsinstitute auf der Liste der Partner von kleineren europäischen Unternehmen beim Bemühen um Innovationen ganz unten platziert sind. Die englische Regierung hat berechnet, dass Großbritannien etwa 400 Millionen Pfund jährlich sparen würde, wenn wissenschaftliche Forschungsergebnisse frei zugänglich wären – und zusätzlich noch von besser informierten Unternehmen und dort Beschäftigten profitieren würde.

Während das Internet-Zeitalter die Druck-Ära im Bereich des quellenkritischen, belegten und überprüften Wissens verdrängt und weiter an breiter kultureller Bedeutung gewinnt, muss es sich quasi auf Augenhöhe mit der Flut von unverifizierten und unverifizierbaren „Erkenntnissen“ des Internets auseinandersetzen. Wissenschaftliche Texte – erschlossen, überprüft, begutachtet und mit den Primärquellen abgeglichen – müssen für alle Bürger frei zugänglich sein.

Wie einleitend bemerkt, ist all dies eine Frage der Gerechtigkeit. Universitäre Forschung wird von den Steuerzahlern finanziert, durch Stipendien oder durch Steuervergünstigungen, und sie sollte nicht Eigentum privater Verleger sein. Und wenn wissenschaftliche Forschungsergebnisse im Internet nicht verfügbar sind, dann wird es zu einem allgemeinen Sammelsurium, zu versprengten Fragmenten ungeprüfter Behauptungen, wie verfasst von Isadore von Sevilla (560–636), Übersetzer im Spanien zur Zeit der Westgoten und Vorbote des „finsteren Mittelalters“. Seine Zusammenfassung des Universalwissens der Zeit, formuliert in holprigem Küchenlatein, schlechtem Griechisch und etwas Hebräisch, verband unkritisch Fragmente des klassischen antiken Wissens, eines Wissens, das heute wegen des „finsteren Mittelalters“ verloren ist. Isadores Schriften wurden als Ersatz für dieses Wissen angesehen, daher stellten die Schreiber das Kopieren der antiken Klassiker ein. Ich denke, es sollte uns nachdenklich stimmen, dass 2003 Isadore von Sevilla, der Autor solch „Vermischter Schriften“, in Italien kurzzeitig als möglicher „Schutzpatron des Internets“ erwogen wurde.

 

Lisbet Rausing, Forschungsbeauftragte am Imperial College´s Centre for the History of Science, Technology and Medicine, London sprach auf dem Panel 5 des Kulturpolitischen Bundeskongresses über “Digitale Zugänge zum Wissen der Welt. Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus?“

Den ungekürzten Text des Vortrags finden Sie hier




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